Gedenkstätte

Mit dem Gesicht zum Osten hin

Die Gedenkstätte am Oelder Stadtpark wurde 1957 von der Stadt Oelde angelegt. Sie ist somit nicht im Besitz der Gemeinde St. Johannes, liegt aber in deren Seelsorgebereich, und zwar im Dreieck Konrad-Adenauer-Allee/Am Kalverkamp/Badeweg. Weil das Mahnmal einen starken christlichen Bezug aufweist und in seiner Gestaltung sehr ungewöhnlich ist, soll es an dieser Stelle vorgestellt werden. Geschaffen hat es der 1929 in Münster geborene und seither in Emsdetten tätige Bildhauer Herbert Daubenspeck, für dessen Entwurf sich ein Preisgericht unter dem Vorsitz von Professor Dr. Wolf aus Münster entschieden hatte. (Anmerkung: 1954 heiratete der Künstler die Bildhauerin Anne Daubenspeck-Focke, die 1948/49 in Oelde in der Werkstatt Heinrich Lückenkötters gelernt und gearbeitet hat.)

Im Oelder Stadtrat gab es seinerzeit lange Diskussionen, ob das Ehrenmal nicht weiter in den Stadtpark hinein errichtet werden sollte. Die Mehrheit entschied sich für den heutigen Standort auf einer damals großen grünen Fläche - eine Wahl, die sich im Nachhinein als sehr problematisch herausstellte, denn durch den Bau der Konrad-Adenauer-Allee wurde das Ehrenmal vom Stadtpark abgetrennt und ihm so ein Teil seiner Wirkung entzogen.

Auf einem grünen Areal erhebt sich als Gedenkstätte ein kesselartiges Rund aus Lavagestein, das gewissermaßen wie ein Schützengraben aus der Wiesenfläche empor steigt. Lavagestein ist ein sehr haltbares Gestein und wird in der Steinbildhauerei gern zur Anfertigung von Denkmälern und Grabsteinen genommen. Auf den Wänden im Innern des Denkmals sind die aus Oelde stammenden Gefallenen der Kriege von 1864 bis 1945 abzulesen. An die Gefallenen, Vermissten und Verstorbenen sowie die während der Vertreibung ums Leben gekommenen Angehörigen der über 3000 Heimatvertriebenen und Flüchtlinge erinnert der eingemeißelte Spruch: „Gott weiß ihre Namen". Zudem weisen die Wappen der ehemaligen Ostprovinzen auf sie hin: Ostpreußen, Oberschlesien, Neumark (Ost-Brandenburg), Pommern, Westpreußen Danzig, Niederschlesien, Sudetenland. Auch die Namen der ermordeten jüdischen Oelder Mitbürger sind hier zu lesen. Das ist allerdings nicht unproblematisch, spielt bei den Juden doch das Opfer-Täter-Denken eine gewichtige Rolle, worüber beim Besuch der Gedenkstätte besonders nachgedacht werden sollte.

EhrenmalBetritt man die Gedenkstätte, sieht man auf einem dreiteiligen Monument die stilisierte Gestalt Jesu Christi mit der Aussage: Jesus, der Gesalbte, ist nach dem Neuen Testament der von Gott zur Erlösung aller Menschen gesandte Messias und Sohn Gottes. Über der Figur ist eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger abgebildet. Das bedeutet: Im Mensch gewordenen Gottessohn ist die „Hand Gottes" Wirklichkeit. Der Finger der Gotteshand wird von den Kirchenvätern auf den Heiligen Geist bezogen. Die Rückseite erinnert tröstend an die Auferweckung des Lazarus: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist. Und jeder, der lebet und glaubet an mich, wird den Tod nicht schauen in Ewigkeit."

Die gesamte Grausamkeit und Widerwärtigkeit von Kriegen hat der Künstler mit den Posaunenengeln aus der Geheimen Offenbarung des Johannes manifestiert. Die Engel sind auf dem Lavagestein im Rund der Gedenkstätte zwischen den Namen der Toten und Gefallenen dargestellt. „Als das Lamm das siebte Siegel öffnete, trat im Himmel Stille ein, etwa eine halbe Stunde lang. Und ich sah: Sieben Engel standen vor Gott; ihnen wurden sieben Posaunen gegeben." ... Die ersten vier Posaunen bringen großes Unglück über das Land. ... „Und ich sah und hörte: Ein Adler flog hoch am Himmel und rief mit lauter Stimme: Wehe! Wehe! Wehe den Bewohnern der Erde! Noch drei Engel werden ihre Posaunen blasen." ... Das Unheil verstärkt sich. Beim Blasen der sechsten Posaune wird ein Drittel der Menschheit getötet. „Aber die übrigen Menschen, die nicht durch diese Plagen umgekommen waren, wandten sich nicht ab von den Machwerken ihrer Hände... Sie ließen nicht ab von Mord und Zauberei, von Unzucht und Diebstahl."

„Der siebte Engel blies seine Posaune. Da ertönten laute Stimmen im Himmel, die riefen: Nun gehört die Herrschaft über die Welt unserem Herrn und seinem Gesalbten; und sie werden herrschen in alle Ewigkeit." Vollständig nachzulesen ist der Text in der Bibel (Offb 8,2–11,19).

Wendet man sich nun von den Posaunenengeln wieder dem Ausgang der Gedenkstätte zu, so hat auch dieser Akt eine tiefe Bedeutung. Denn der Blick geht in die Mitte des Ostens. Im christlichen Glauben ist der Osten die Richtung, die mit der einstigen Wiederkehr des auferstandenen Christus assoziiert wird. Aus diesem Grund sind fast alle Kirchen geostet, also genau nach Osten orientiert. Die Urchristen beteten mit dem Gesicht zum Osten hin, was für sie zugleich der Sehnsucht nach dem Paradies Ausdruck gab. Denn sie nahmen an, dass der Aufenthaltsort des verklärten Herrn - wie einst das irdische Paradies - sich im Osten befinde und von dort her seine Wiederkunft am Jüngsten Tag zu erwarten sei. Heißt es doch im Alten Testament: „Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte" (Genesis 2,8).

Und in den Oden Salomos, einer frühen christlichen Liedersammlung, spricht der vom Tauferlebnis erfüllte Christ der Urkirche: "Gleichwie die Sonne Freude ist für die, so ihren Tag ersehnen, ist meine Freud' der Herr, denn Er ist meine Sonne. Es haben Seine Strahlen mich geweckt...!"

Hans Rochol

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