Judenfriedhof

Steine für die Toten

Jüdischer FriedhofEs gibt in Oelde einen kleinen Friedhof, der sehr versteckt liegt. Viele Oelder ken- nen ihn gar nicht. Beerdigt wird darauf nicht mehr. Dennoch ist er eine historisch wichtige und eindrucksvolle Stätte von hoher religiöser Bedeu- tung für die Stadt. Diesem Friedhof gilt nun unsere Aufmerksamkeit. Denn dieser Begräbnisplatz (Bild oben) ist der einzige unmittelbare Zeuge, der heute noch an jüdisches Leben in Oelde erinnert.

„Königskämpken" hieß im Volksmund das Gelände jenseits des Stromberger Tores zum Axtbach hin, das die Witwe Schüling 1848 verkaufte. Den einen Teil übereignete sie dem Heinrich Brockmann. Der andere Teil ging in Besitz der jüdischen Gemeinde Oelde über, die am Ende der Straße „Zur Brede" einen Friedhof anlegte.

Seit dem Altertum ist das Aufstellen von Grabsteinen den Juden geheiligter Brauch. Der Grabstein, oftmals mit einer hebräischen Beschriftung versehen, wird in einer Zeremonie enthüllt; Psalter werden gelesen. Dann liegt das Grab in ewiger Ruhe. So geschah das auch in Oelde - auf einem alten Friedhof, der bis heute an jüdisches Leben in der Stadt erinnert. Es lässt sich eindrucksvoll von den Grabsteinen ablesen.

Auf dem Friedhof findet man etwa 40 Grabsteine. Um die 60 jüdische Oelder Bürger sind hier seit 1848 beerdigt worden, zuletzt Berta Weinberg im Jahr 1940. Unterschiedliche Gestaltungen der Grabsteine beeindrucken den Besucher. KindergrabÜber dem Kindergrab trauert der abgeschlagene Baumstamm (Bild rechts), ein bemerkenswertes Symbol aus Stein. Dann sieht man eine schwarze Glastafel, die den Eindruck erweckt, als sei irgendwann einmal auf sie geschossen worden. Doch so war es nicht, der Frost hat die nicht einwandfrei verarbeitete Glastafel platzen lassen. Hier ein Monument in Marmor, fast noch wie am ersten Tag, dort eines in Sandstein, von Zeit und Wetter schon reichlich mitgenommen. Manche Inschriften sind kaum noch oder gar nicht mehr zu lesen. Der Sandstein stammt größtenteils aus den Baumbergen. Doch auch ockerfarbener Teutoburger-Wald-Sandstein ist auf dem jüdischen Friedhof zu finden - in dieser Gegend eher eine Seltenheit.

Die Begräbnisstätte wurde in den Jahren 1995/96 restauriert, doch nicht in der Art, um alles umso haltbarer zu machen. Das ist bei den Juden nicht üblich. Vielmehr verfolgte die Restaurierung das Ziel, den Verfall des Steines zu verlangsamen. Der eine Grabstein wurde bei der Restaurierung nur gereinigt, befreit von Umweltgiften. Der andere brauchte intensivere Behandlung. Das Glas hier musste abgedichtet werden, damit kein Wasser von innen angreifen und möglicherweise in Verbindung mit Frost das Material zerstören kann. Dort ein Stein, der bereits früher einmal behandelt worden ist und durch Konservierungsstoffe Schaden genommen hat. Alle Arbeiten wurden nach Rücksprache mit der Jüdischen Kultusgemeinde (Dortmund) erledigt. Unter der Nr. 51 wurde der Jüdische Friedhof 1985 in die Oelder Denkmalschutzliste aufgenommen. Seit Jahrzehnten schon pflegt das städtische Gartenamt diesen stillen und heimlichen Ort.

Wer heute auf den Friedhof kommt, findet auf diesem oder jenem Grab kleine Steine liegen - Zeichen dafür, dass Juden aus aller Welt weiterhin hierher kommen und ihre Toten besuchen. Der Brauch mit den Steinchen stammt wohl erst aus dem 19. Jahrhundert, wird aber gerne historisch und als Relikt aus der Zeit der Wanderungen der Israeliten durch die Wüste erklärt, wo Gräber vor Aasfressern befestigt werden mussten. Um in der Wüste ein Zeichen zu setzen, dass ein Grab besucht wurde, blieb als einzige Möglichkeit, einen Stein zu hinterlegen. Der Stein könnte auch anzeigen: Wenn Blumen für die Lebenden sind, dann Steine für Toten, da Steine dem Schmerz genug Ausdruck geben.

Hans Rochol

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