Pfingstenkranz

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„Guter Freund, ich frage dir!"

„Eins, wer weiß es?" ist ein altes jüdisches Kinderlied. So beginnt es: „Eins, wer weiß es? / Eins, ich weiß es! / Eins ist unser Gott im Himmel und auf Erden." Alsdann wird in weiteren Strophen jüdisches Leben und Wissen abgefragt. Nach diesem Vorbild dürfte unser Lied „Guter Freund, ich frage dir" entstanden sein, das in Oelde alljährlich am Pfingstenkranz gesungen wird. Weil der plattdeutsche Westfale nicht unbedingt zwischen Dativ (Wemfall) und Akkusativ (Wenfall) unterscheidet, fragt er eben dir und liegt damit ganz nahe bei Goethe, der in seinem „Faust" den in der rötlichen Flamme erscheinenden Geist ebenfalls im Dativ fragen lässt: „Wer ruft mir?"

Auf dem MarktplatzUnser Pfingstenkranzliedchen ist ein Fragespiel zwischen dem guten und dem besten Freund, dem jeweils der Chor der Kinder in althergebrachter Manier einer Christenlehre die Antwort gibt. Zwiegesang: „Guter Freund, ich frage dir! / Bester Freund, was frägst du mir? / Sag mal, was ist eine!" Chor: „Einmal eins ist Gott allein, der da lebt, der da schwebt im Himmel und auf Erden." Die erste Strophe des christlichen Liedes stimmt also schon mal mit der ersten Strophe des jüdischen Liedes überein. So geht es weiter: Zwei Tafeln Moses (jüdisch: Bundestafeln). Drei Patriarchen (Erzväter). Vier Evangelisten (Mütter). Fünf Gebote der Kirche (Bücher des Moses). Sechs Krüge mit rotem Wein schenkt der Herr zu Kana ein (Ordnungen der Mischna). Sieben Sakramente (Wochentage). Acht Seligkeiten (Tage bis zur Beschneidung). Neun Chöre der Engel (Monde der Schwanger­schaft). Zehn Gebote Gottes (Gebote). Elftausend Märtyrer (die Sterne in Josephs Traum). Zwölf Apostel Jesu (die Stämme Israels). Und die Dreizehn im jüdischen Lied fragt noch nach den Eigenschaften Gottes.

Vor St. JohannesVier Strophen also sind jüdisch-christlich, die erste, zweite, dritte und zehnte. Nun muss noch hinzugefügt werden, dass zumindest die fünfte, siebte und elfte Strophe streng katholisch sind, denn die evangelische Kirche kennt weder Kirchengebote noch heilige Märtyrer, und statt sieben gibt es nur zwei Sakramente. Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, dass die christliche Fassung des Liedes zur Zeit der Gegenreformation entstanden ist. Von elftausend Märtyrern erzählt das Oelder Lied, während in Münster die Auflösung lautet: Elf törichte Jungfrau'n.

Das Lied wird in Münster alljährlich beim Lambertussingen Mitte September angestimmt. Der Brauch in Münster ist fast identisch mit dem Oelder Pfingstenkranzfest. Warum aber das eine Fest im Herbst gefeiert wird und das andere im Frühjahr, ist unbekannt. Die Volkskundler haben unterdessen herausgefunden, dass ein erster Bericht über das Lambertusfest in das Jahr 1781 datiert. Das Fest stellte in Münster einen Höhepunkt im Wechsel der Jahreszeiten dar und wurde rund um die Pyramide, die in Oelde Pfingstenkranz heißt, bis spät in die Nacht gefeiert. Es war damals besonders in den Kreisen der Mägde und Arbeitergesellen sehr beliebt.

Die älteste bislang bekannte Beschreibung des Oelder Pfingstenkranz-Brauchtums stammt aus dem Jahr 1908. Jacob Bäcker, Gründungsmitglied des Heimatvereins und später Amtsobersekretär, hat den Pingstenkranz, wie man in Oelder Deutsch sagt, in jungen Jahren beschrieben und u.a. festgehalten:

Am Paulusheim»Ein alter und eigenartiger Volksbrauch ist der Pingstenkranz (Pfingstreigen, Pfingstenkranz), der an den beiden Pfingstfeiertagen alljährlich in dem Landstädtchen Oelde im Kreise Beckum wiederholt wird, und der sich in der weiteren Umgebung von Oelde nicht vorfindet.

Bereits 4 Wochen vor Pfingsten beginnen die Buben mit dem Einsammeln des Pfingstenkranzpfennigs, indem sie die Strassenpassanten mit den Worten: „Onkel (oder Tante) giff mie en Penning för den Pingstenkranz" um eine Gabe bitten. Die Verwaltung des gesammelten Geldes übernimmt ein älterer Knabe. Mit dem Erlöse werden die durch Schmückung des Pingstenkranzes entstehenden Kosten gedeckt. Dieser besteht aus drei etwa 1 1/2 m langen Holzstangen, die pyramidenförmig zusammengestellt und mit grünem Laub, Blumen und bunten Fähnchen geschmückt werden. Nachdem der Pingstenkranz am Tage vor Pfingsten auf vorstehende Art fertiggestellt ist, wird er am Nachmittage des 1. Pfingsttages an dazu bestimmten Stellen der Stadt, mitten auf der Strasse, aufgestellt. Nach Schluss des Nachmittagsgottesdienstes beginnen die Kinder um den Pingstenkranz den Reigen aufzuführen und singen hierbei die bekannten Lieder; auch werden abwechselnd Kirchenlieder (besonders Pfingst- und Osterlieder) und allgemein bekannte Volkslieder gesungen.

Beim Eintritt der Dunkelheit werden am Pingstenkranz Fackeln befestigt und angezündet. Die Kinder verschwinden meist, an ihre Stelle treten ältere Knaben und Mädchen; sie führen dasselbe auf, wie die Kinder. In früherer Zeit wurde der Pingstenkranz bis tief in die O Buer, wat kost ju Hei?Nacht hinein ausgedehnt; seit mehreren Jahren wird er jedoch, auf Einwirkung der Polizei, schon bei Beginn der Dunkelheit beendet. Infolgedessen hat auch das Interesse für den Pingstenkranz, namentlich bei der älteren Jugend, bedeutend nachgelassen.«

Zu den ausgewählten Stellen „mitten auf der Straße" gehörte von alters her natürlich der Marktplatz vor St. Johannes. Auch hier gab es, sogar noch Anfang der 1980-er Jahre, Ärger mit den Behörden. Weil der Markt 1983 noch nicht verkehrsberuhigt war, wurde der Pfingstenkranz auf Initiative des Heimatvereins vom windigen Markt zum ruhigen Platz am Paulusheim verlegt. Auf Vorschlag von Pfarrer Hortmann bildete sich bald eine ökumenische Pfingstenkranzgemeinschaft aus evangelischen, griechisch-orthodoxen und katholischen Christen, die seit 1985 am Paulusheim stets am Pfingstsonntag zum Pfingstenkranz in der Innenstadt einlädt. Aber nicht nur dort, noch an weiteren Stellen der Stadt und vor allem an St. Joseph wird bis heute das beliebteste und bekannteste Pfingstenkranzlied „O Buer, wat kost ju Hei?" alljährlich lauthals angestimmt.

Hans Rochol