Schwester Petra - Dienerin der Armen

Schwester Petra im fernen und fremden Indien

Schwester PetraAm Pfingstsamstag, 5. Juni 1976, ist Schwester Petra geb. Paula Mönnigmann aus Oelde in Indien tödlich verunglückt. Es hat etwa bis Fronleichnam, 17. Juni 1976, gedauert, ehe man in Oelde genauer wusste, was da wirklich geschehen war. In der Samstag/Sonntag-Ausgabe der „Glocke" vom 19./20. Juni 1976 erschien unter der Überschrift „Schwester Petra – eine Dienerin der Armen in Indien" ein ganzseitiger Sonderbericht über das Leben und den Tod der Schwester Petra, der hier in Erinnerung gerufen werden soll:

Die Schwestern, die im Bus beteten und Osterlieder sangen, freuten sich auf das nahende Pfingstfest, mit dem die katholische Kirche die österliche Zeit beschließt. Da passierte gegen Mittag, um die zwölfte Stunde, das grauenvolle Unglück. Das Fahrzeug der Schwestern stieß mit einem indischen Verkehrsbus zusammen.

Wie es zu dem Unfall kam, ist noch nicht bis hierher durchgedrungen. Doch wir wissen inzwischen, dass eine der Schwestern an der Unglücksstelle verschied und vier weitere im Laufe des Tages starben, unter ihnen auch Schwester Petra, die gegen 15 Uhr den erlittenen schweren inneren Verletzungen erlag. Sieben Schwestern wurden schwer, fünf leicht verletzt. Von den Schwerverletzten ist eine Schwester inzwischen gestorben, drei sollen noch immer in akuter Lebensgefahr schweben. 17 Schwestern müssen sich wenigstens in dem Bus befunden haben, wie viele es in Wirklichkeit waren, ist unbekannt.

Gestern Nachmittag (am 18. Juni 1976) traf hier die Nachricht ein, dass der Unfall in einer Kurve auf der Straße nahe Kottaparamba passierte. Das mit 18 Ordensschwestern besetzte Fahrzeug prallte frontal mit einem indischen Verkehrsbus zusammen. Dabei wurden auch einige Passagiere des Busses verletzt.

Unter großer Anteilnahme der indischen Bevölkerung und der Schwestern von Pattuvam ist Schwester Petra Pfingsten zu Grabe getragen worden. Bischof Patroni las die Totenmesse und nahm die Einsegnung vor. Mehrere indische Zeitungen haben über den Verkehrsunfall und die Beisetzung berichtet.

Wer war Schwester Petra, die im fernen Indien einen Orden gründete und dort praktische Nächstenliebe übte? - Als drittes von fünf Kindern des Architekten Bernhard Mönnigmann und seiner Ehefrau Paula geb. Rose kam sie am 14. Juni 1924 am Grünen Weg in Oelde zur Welt. Ihre Kindheit hat sich sicherlich nicht viel unterschieden von der der übrigen Kinder, die dort am Grünen Weg und an der Wallstraße für Leben sorgten.

Nach Absolvierung der Volksschule und der Städtischen Höheren Mädchenschule in Oelde machte sie in Bielefeld das Abitur und folgte einem ihrer Brüder zum Studium nach Breslau. Hier studierte sie bis Kriegsende Erdkunde, Biologie und Deutsch. Am 15. Oktober 1945 trat sie in den Ursulinen-Orden in Werl ein, erkrankte jedoch kurze Zeit später an Diphtherie, die einen Herzschaden verursachte, und musste das Leben im Orden zunächst zurückstellen.

Ein halbes Jahr hat sie auf dem Krankenbett gelegen. In dieser Zeit hat ihr ein Franziskanerpater Latein beigebracht, so dass sie in Münster das große Latinum nachmachen und Religion, Latein und Biologie studieren konnte. Nach dem Assessor-Examen trat sie zu Ostern 1952 endgültig in den Ursulinenorden ein, wurde am 8. Juni 1952 eingekleidet und legte am 29. Januar 1957 die ewigen Gelübde ab.

Am 30. Juni 1966 ging sie nach Indien. Und das kam so: Sie hatte ein Jahr zuvor im Missionswirtschaftlichen Institut in Würzburg einen deutschen Arzt getroffen, der lange Zeit in Indien gearbeitet hatte und auf Heimaturlaub in Deutschland weilte. Dieser Arzt hatte von einem indischen Bischof den Auftrag erhalten, eine deutsche Schwester ausfindig zu machen, die sich bereit erklärte, für drei Jahre in einem neu gegründeten Institut in Indien zu unterrichten. Schwester Petra nahm den Auftrag an.

Als sie vor zwei Jahren zum letzten Mal in Deutschland zu Besuch war, erzählte sie davon: „Ach", habe sie gedacht, „nach drei Jahren bist du wieder in Deutschland, und das ferne und fremde Indien reizt dich". Sie erhielt von ihrem Orden die Erlaubnis und wurde für drei Jahre vom Bischof beurlaubt.

Schwester Petra fuhr zum südlichsten Zipfel Indiens und nahm hier ihre Arbeit auf. Sie wurde im Laufe der Zeit des Öfteren in die umliegenden Dörfer geschickt, um Menschen zu helfen, die an Seuchen erkrankt waren. Im zweiten Jahr ihrer Lehrtätigkeit, berichtete sie bei ihrem letzten Deutschlandaufenthalt, habe sie an einem Kollegiumsausflug teilgenommen. Plötzlich habe der Bus eine Panne gehabt, und alle hätten in einem kleinen Kulidorf warten müssen.

Da hat es sie mitgerissen: Sie sah schmutzige Kinder, Elend, Verbitterung und Not. Ihr Entschluss war gefasst: Schwester Petra wollte in Indien bleiben, um zu helfen, sie wollte nicht in den Wohlstand nach Deutschland zurück, auch nicht ins Klosterleben. In diesem Augenblick war Indien ihr zweite Heimat geworden.

Zunächst, so lange Schwester Petra noch ihren Lehrauftrag zu erfüllen hatte, fuhr sie samstags und sonntags in die Dörfer hinaus und machte die Nester des Elends aus. Einige Zeit später traf sie mit dem italienischen Missionsbischof Patroni, einem Jesuiten, zusammen, der eine Schwester suchte: „Werden Sie kommen?" Schwester Petra verschloss sich nicht und kam mit in die Hungerdörfer der Diözese, in das Hochland von Kerala, das zu den ärmsten Landstrichen in Indien zählt.

Die Kirche in Pattuvam, in der sie begraben wurde, hat Schwester Petra, Tochter eines Architekten, selbst entworfen. 300 Leute finden darin Platz. Das Altarkreuz schuf der Vellerner Künstler H. G. Bücker, der Altar wurde aus einer amerikanischen Medikamentenkiste zurechtgezimmert. Nur 6000 Mark hat die Kirche gekostet. „Das macht mir so schnell keiner nach", soll Schwester Petra einmal geäußert haben.

Kirchenfester in OeldeDie aus Oelde stammende Ordensfrau (Bild: Schwester-Petra-Szene aus Kirchenfenster in St. Johannes) hat auch den Schornsteinbau eingeführt, der bis dato in dieser Gegend unbekannt war. Das kam vor allem jenen Maurern zugute, die sich auf die Kunst des Schornsteinbaus verstanden. Sie verdienten im Handumdrehen das Doppelte am Tag.

Schwester Petra hat sich auf vielen Gebieten betätigt. Sie versuchte, die Ernährung der Bevölkerung auf eiweißreichere Kost umzustellen und brachte den Indern nahe, die Landwirtschaft nach neueren Erkenntnissen zu betreiben. Eines Tages fuhr sie fünf Stunden durch die Gegend, um in ihrem Jeep einen jungen Bullen nach Pattuvam zu befördern. Sie züchtete Hühner, die mehr Eier legten und nicht so krankheitsanfällig sind. Wer seinen alten Hahn auf der Station abgab, bekam einen neuen. Sie fand Reissorten, die auf trockenen Berghängen wachsen und doch ertragreich sind.

In Pattuvam selbst entstanden im Laufe der Zeit eine ambulante Krankenbehandlungsstation, ein Waisenheim, eine Leprastation, Unterbringungsmöglichkeiten für Hilflose, Alte, Kranke, Sieche. Wird eine neue Niederlassung gegründet, fängt man mit dem Bau einer Hütte an, in der ein kleiner Winkel als Kapelle und ein Krankenbehandlungsraum eingerichtet werden. Als die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi im Juni 1975 Pattuvam einen Besuch abstattete, zeigte sie sich sehr beeindruckt von dem Geschaffenen. Inzwischen wird die Station in Kerala auch von der indischen Regierung unterstützt.

Das war die Tat und das Leben einer Schwester, die auszog, Kranken und Hilflosen Schutz zu geben. Armen und Notleidenden Wege zur Selbsthilfe zu zeigen, die aus alten Autoreifen Sandalen anfertigte und den Witwen zu wetterfesten Behausungen verhalf, weil es in Indien noch keinerlei Rentenversicherung gibt.

Wäre es da nicht angebracht, Schwester Petra ein Denkmal zu setzen, ein Denkmal, das in der Verpflichtung besteht, Athima, Mustapha und Pathuma auch künftig zu helfen, um damit ein Werk zu unterstützen, das Schwester Petra begonnen hat und das 300 indische und die deutsche Schwester Willigard Kultz aus dem Sauerland, eine Freundin von Schwester Petra, fortsetzen wollen? Schwester Petra war allein, hat viele schwere Krankheiten und Operationen überstanden und dennoch die Energie besessen, das Werk aufzubauen. Wir sind viele.

Am Montag (21. Juni 1976) wird in der Pfarrkirche St. Johannes zu Oelde eine Totenmesse gefeiert für Schwester Petra, die so vielen geholfen hat, auch Athima, Mustapha und Pathuma, drei Kindern, deren Eltern an Lepra gestorben sind und die selbst leprakrank waren. Steine flogen, wenn sie sich aus ihrer Hütte trauten, bis ihnen ein Nachbar zurief: „Geht zu den Schwestern!"

Das war die Rettung. Der fünfjährige Athima ist geheilt, die beiden anderen blieben von der Verstümmelung verschont. „Seit sie bei den Schwestern leben, sind sie glücklich und zufrieden", berichtete Schwester Petra vor zwei Jahren, selbst glückstrahlend. Mustapha arbeitet jetzt als Silberschmied, dank Schwester Petra und derer, die sie unterstützen.«

Anmerkung: Am 1. Juli 1969 hat Schwester Petra zusammen mit acht indischen Schwestern die Sozial- und Missionsstation Pattuvam gegründet. Von Seiten der Ordensgemeinschaft wird inzwischen die Seligsprechung von Schwester Petra angestrebt.

Hans Rochol

Hilfswerk Schwester Petra (externer Link)

Wikipedia-Artikel über Schwester Petra (externer Link)

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