Pastorat und Paulusheim

Unter Denkmalschutz

Pastorat von 1886„Der Wedemhof oder Pastorshof liegt von Wasser umgeben auf einer Insel. Wundervoll ist diese Besitzung, auf der seit Jahrhunderten die Oelder Pfarrherren residieren und von hier aus ihre Schafherde lenken und leiten." - So beschrieb Stadtchronist Xaver Westhoff einmal die Residenz des Pfarrers von St. Johannes. Weiter ist zu lesen: „Der Pastors- oder Pfarrhof wurde Wedemhove genannt. Das bedeutet Weihegut. In alten Zeiten bewirtschafteten die Pfarrherren ihren Hof selbst, sie waren also im Nebenberuf 'latienske Buern'. Zum Pfarrhof gehören zahlreiche Ländereien, die im ganzen Kirchspiel verstreut lagen...". X. Westhoff hält auch dieses fest: „In späteren Zeiten, als Ulithi stärker besiedelt wurde, gab das Pastorat Baugrundstücke ab gegen ein jährliches Sol- oder Grundgeld. So stammt auch der Grund und Boden der Pastorstraße, heute Herrenstraße, mit den beiderseitig anliegenden Hausgrundstücken aus dem Wedem- oder Pfarrhof."

Postkarte„Der Wohnsitz der Oelder Pfarrherren auf der Pastorsinsel bestand aus dem eigentlichen Pfarrhaus mit Wirtschaftsteil, einem Back- und Brauhaus sowie dem Pforthaus." 1652 hat Pastor Johannes Böddeker über das Pfarrhaus vermerkt, dass „er nur allein ein altes verwüstetes hauß (Haus) und darin an haußgerath (Hausgerät) einen alten Seßelstuhl (Sesselstuhl) mit einem alten stuhlküßen (Stuhlkissen), einen haalhaken (Zughaken fürs Herdfeuer) und zwey gegoßene brandtruters (zwei gegossene Blasebälge) von eißen (Eisen) überkommen habe." Es war die Zeit kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg.

Das Pastorat in GoldWeitere Aufzeichnungen folgen, ehe das Pastorat seine heutige Form annahm: „Anfang 1885 trat der neue Pfarrer Adolph Thier zum Berge sein Amt in Oelde an. Der Neubau des Pfarrhauses wurde sofort in Angriff genommen unter Leitung des Architekten Wilhelm Rincklake zu Münster. Während des Baues wohnte Pfarrer Thier zum Berge im Kaplaneigebäude an der Markt- bzw. Bahnhofstraße.- Der Bau wurde im August 1886 vollendet. Kosten 33 000 Mark. Das Pfortenhaus wurde zum Abbruch verkauft, der Teich gereinigt und mit der Stadt behufs Erbreiterung der vorbeiführenden Straße, Errichtung einer Mauer ein Vertrag abgeschlossen." X. Westhoff ergänzt noch: „Auch Pfarrer Haard war für die Ausstattung des Pfarrhauses besorgt: Saal, Bischofszimmer, Park. Man darf die Pastorat als eine der schönsten im Münsterlande bezeichnen." Wilhelm Rincklake hatte mit dem Pastorat in Oelde jedenfalls eine bauliche Perle geschaffen.

Anzumerken ist, dass Westhoff von „die Pastorat" spricht - das ist „echtes Oelder Deutsch", laut Duden wäre „das Pastorat" richtig.

Ludger Wilhelm Rincklake (1851-1927) aus Münster gehört zu den wichtigsten Vertretern der Neuromanik und der Neugotik in der Sakralarchitektur Westfalens. 1885/86 erbaute er das Pfarrhaus in Oelde. Es folgten u.a. die Pfarrkirchen St. Margaretha in Wadersloh sowie St. Joseph in Neubeckum (1892-94), die Propstei- und Wallfahrtskirche St. Ludgerus in Billerbeck (1892-1898), die St.-Georg-Kirche in Saerbeck (1896-1898), die mächtige Kirche in Neuenkirchen/Kreis Steinfurt (1896-1899). 1896 ging Rincklake nach Maria Laach und trat in den Benediktinerorden ein. An Pastors TeichVon dort aus erbaute er wesentliche Teile der Benediktinerabtei Gerleve (ab 1901 bis 1911) und war seitdem nur noch für seinen Orden tätig.

1960 wurde die Gräfte (Wassergraben um eine Hofanlage) rings um das Pastorat (Bild rechts) aus verkehrstechnischen Gründen entfernt. Aus dem Wohnsitz der Oelder Pfarrherren auf der Pastorsinsel entwickelte sich ein Wohnhaus, für das man keine rechte Verwendung mehr fand. Unweit war ein neues Pfarrhaus entstanden, so dass die bauliche Perle nebenan auf die Abbruchliste geriet. Der Heimatverein konnte Schlimmeres verhindern. Und Pfarrer Hortmann kam auf die gute Idee, das Pastorat mit einem Anbau zum Paulusheim zu erweitern. Das Paulusheim wurde 1980 als Pfarrheim eröffnet. Als solches hat es im Laufe der Zeit gute Dienste geleistet.

Unter DenkmalschutzInzwischen ist das alte Pastorat, das abbruchgefährdet war, längst auf die Denkmalschutzliste der Stadt Oelde gesetzt worden. Als Nr. 6 ist es eingetragen mit dem Vermerk „Altentagesstätte". Das wird die Stadt ändern müssen, denn mittlerweile ist das Pfarrbüro ins alte Pastorat eingezogen. Des Weiteren wurden zwei Wohnungen eingerichtet, deren eine der Pfarrer bezogen hat. So ist aus dem alten Pastorat das neue Pastorat geworden. Und die Oelder Pfarrherren residieren wieder an dem Ort, von wo aus sie – um im Bild von X. Westhoff zu bleiben - seit Jahrhunderten ihre Schafherde lenken und leiten.

Hans Rochol

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