Bernardushaus

„Zu Nutzen und Frommen der Armen"

Abschied85 Jahre haben Vorsehungsschwestern das Leben im Bernardushaus bestimmt und geprägt. Sie kamen 1912 und zogen 1997 wieder fort. Schwester Georgia, seit 1912 die 15. Oberin im Haus, sagte bei ihrem Weggang, in Oelde werde sich alles noch zum Guten wenden. Ihr Gefühl sage es ihr. (Das Bild zeigt die Schwestern am Tag der Verabschiedung von Oelde mit Pfarrer Hortmann, 3.v.l.)

Dechant Hortmann merkte dazu in einem Beitrag für „Kirche und Leben" (1.6.1997) an: „Die Bedeutung der Vorsehungsschwestern für unsere Pfarrgemeinde und unsere Stadt wird wohl treffend im Nachruf der Glocke auf Schwester Jovinatis deutlich, die seit 1926 bis zu ihrem Unfalltod am 17. März 1972 (davon 23 Jahre als Oberin) im Bernardushaus wirkte: 'Seitdem sie im Jahre 1926 im Bernardushaus die Küche übernommen hatte, sind im Laufe der Jahre unzählige Frauen, junge berufstätige Mädchen und sogar eine Reihe Männer durch die von ihr allabendlich geleiteten Kochkurse gegangen. Unvergesslich wird es bleiben, was Schwester Oberin in der letzten Jahren im und kurz nach dem Krieg geleistet hat, als oft bis zu 200 Personen, Erwachsene und Kinder, vor Hunger Zuflucht im Bernardushaus suchten und denen Schwester Oberin, unterstützt von ihren Mitschwestern, auch ohne die damals erforderlichen Verpflegungsmarken geholfen hat, so gut es ging. Auch für Ausländer, darunter die Russenmädchen, wurde damals im Bernardushaus gekocht. Nur wer sich noch der großen Schwierigkeiten der Lebensmittelbeschaffung erinnert, kann ermessen, was Schwester Oberin in den damaligen schweren Jahren mit organisatorischem Geschick vollbrachte.'

Schwester GertrudisDiese sozial-caritative Tätigkeit, wie sie die Schwestern zum Wohle der Kinder Jugendlichen und Familien und der Gemeinde vorlebten, - ob in der Zeit von Schwester Adelgaris, Schwester Isentrudis, Schwester Georgia oder zuletzt Schwester Ansgar, im Kindergarten durch Schwester Gertrudis (Bild links), Schwester Burchardis oder Schwester Renildis, in der Nähstube durch Schwester Celina, Schwester Virgilia oder Schwester Bernardis, in der Sozialstation Schwester Raphaela oder auch im stillen Dasein wie bei Schwester Conrada, Schwester Bernwaldis oder Schwester Salesia, um nur Schwestern der letzten 20 Jahre zu nennen - diese sozial-caritative Tätigkeit ist dem Haus in die Fundamente gelegt. ... So steht das Bernardushaus in einer langen, die Jahrhunderte umgreifenden Tradition christlicher Liebestätigkeit."

Das Bernardushaus nimmt seit 1911/12 den Platz ein, den bis 1908 das Oelder „Armelüder Huez" innehatte. „Zu Nutzen und Frommen der Armen des Wigbolds Oelde" ist jenes Armenhaus 1545 gebaut worden. Jasper von Oer, adeliger Herr auf Haus Geist, hatte es 1509 in seinem Testament fundiert. Durch Jaspers finanzielle Vorsorge waren seine Enkelin Sophie von Nesselrode und deren Mann Franz von Loe 36 Jahre später in der Lage, die Absicht zu verwirklichen. Für die Aufsicht trug u.a. der Inhaber der Geister Vikarie die Verantwortung. Diese Vikarie war 1491 (wie das Sakramentshaus in St. Johannes) von Jasper von Oer und seiner Frau Anna von Hörde gestiftet und zu Ehren der hl. Mutter Anna und der Heiligen Drei Könige geweiht worden.

Solche Altenpflegeheime sind keine Seltenheit in damaliger Zeit. Sie wurden zumeist von Adeligen in der Nähe ihrer Besitzungen errichtet. „Heilig-Geist-Spitäler" sind sie benannt nach dem „Tröster Geist". Sechs altersschwachen bzw. kranken Menschen bot das Spital im Wigbold Oelde Platz; die Hälfte der Plätze war Bediensteten von Haus Geist vorbehalten.

Beim Stadtbrand von 1605 wurde das Heilig-Geist-Spital zerstört. Zwei Jahre später war es bereits wieder aufgebaut. WappenBertram von Loe (*1542-†1611) und seine Frau Margarete von der Horst (*1542-†1616 oder später), beide protestantischer Religion und zu jener Zeit Besitzer von Haus Geist, besorgten das edle Werk. Über dem Eingang zum Bernardushaus nennt ein Wappenstein (Bilde rechts) bis heute die Wohltäter. Links ist das Wappen derer von Loe zu sehen, rechts das derer von der Horst. Zwei betende Hände recken sich zwischen den Wappen empor. Darüber steht zu lesen CMBH (Caspar, Melchior, Balthasar, helft). Darunter erkennt man die Jahreszahl 1607 und die Familiennamen. Dieser Wappenstein im Bernardushaus erinnert bis heute an das frühere Arme-Leute-Haus in Oelde.

1892 übertrug der Studienfonds im Auftrag des Landes Preußen das Grundstück dem Gesamtarmenverband von Stadt und Kirchspiel Oelde. Dafür war ein Ablösungskapital zu zahlen. Stadtchronist X. Westhoff erinnert sich: „In unserer Jugendzeit bestand das Armenhaus noch. Es war die 'Armengiärme', die einen trostlosen Anblick bot, da sie immer mehr verfiel. Sie war ein 'langer Jammer', das heißt: ein niedriges einstöckiges Lehmfachwerkgebäude mit sechs kleinen Wohnungen. Hier wohnte um 1900 auch Kontaß mit dem hölzernen Stelzbein. Er war 'Spinneklaut-Fabrikant'. Seine 'Hüel-döppe' waren von uns Jungens ganz besonders begehrt. Wer ein 'Kontaß-Kleitken' hatte, wurde beneidet und beim 'Össen' gefürchtet."

Bernardushaus1908 hat die Stadt das Grundstück erworben und zugleich das Anwesen des Bernard Brinkschneider nebenan. Beide Gebäude fielen der Spitzhacke zum Opfer. Eine Stiftung, die zu Ehren von Amtmann Bernard Geischer eingerichtet worden war, brachte an beider Häuser Stelle bis 1911 das Bernardushaus hervor. Stadtchronist Westhoff: „In ihm wird eine Kinderbewahr-, Haushaltungs- und Handarbeitsschule von katholischen Schwestern geleitet." Am 23. Oktober 1912 traf Schwester Assistentin Hildegundis in Oelde ein, in ihrem Gefolge vier Schwestern, alle aus dem Orden der Göttlichen Vorsehung. Sie nahmen im Bernardushaus Quartier: Schwester Swiberta als erste Vorsteherin, mit ihr die Schwestern Reineria, Ferreria und Robertis. Im selben Monat übrigens war Bernard Haard zum Pfarrer von St. Johannes bestellt worden.

„Der Amtmann war sehr besorgt, damit an der Einrichtung nichts fehle", vermerkt die Chronik der Schwestern. „Auch an Lebensmitteln war kein Mangel, und hier war es besonders die Vorsteherin im Krankenhaus, die Clemensschwester Luka, welche in den ersten Tagen täglich kam." Bernard Geischer ist von 1868 bis 1919 Amtmann in Oelde gewesen. Aus Dankbarkeit für seine 51-jährige Tätigkeit gaben die Oelder dem Haus seinen Vornamen, benannten es nach Sankt Bernardus (von Clairvaux).

Bis 1936 blieb das Bernardushaus eine Einrichtung der Stadt. Zu nationalsozialistischer Zeit gelang es dem damaligen Bürgermeister Johenning, Bernardushaus samt Grundstück und Einrichtung „in Bausch und Bogen" der katholischen Kirchengemeinde zu verkaufen und es auf diese Weise dem Zugriff der Nazis zu entziehen. In diesem Haus erhielten viele Kinder Religionsunterricht. Die Kirchengemeinde bezahlte mit Grundstücken aus dem Eigentum der Vikarie ad Sanctam Annam und des Pastorats. Im Haus am heutigen Carl-Haver-Platz ist im November 1945 auf Einladung von Pfarrer Braukämper die Oelder CDU gegründet worden.

In kirchlichem Besitz befindet sich das Gebäude bis auf den heutigen Tag. Viele Oelder Mädchen und Jungen werden sich an ihre Kindergartenzeit im Bernardushaus wärmstens erinnern. Schwester Reineria war von September 1912 bis Januar 1914 in diesem Kindergarten tätig. Von Dezember 1913 bis Oktober 1915 und noch einmal von Herbst 1924 bis Ostern 1930 oblag Schwester Burcheria die Kindergartenarbeit, der von September 1956 bis Juli 1977 Schwester Gertrudis und danach Schwester Renildis folgten. 1982 zog der Kindergarten aus dem Bernardushaus aus und siedelte sich als St.-Johannes-Kindergarten im Neubau am Pastorat an.

KirchweihtagDie Schwestern blieben im Haus, das 1960 westwärts einen Anbau erhalten hatte. Das Bernardushaus nahm die Familienbildungsstätte und weitere Einrichtungen wie Zentralrendantur und Friedhofsverwaltung auf und gab der griechisch-orthodoxen Gemeinde in der zur Kapelle umgebauten Gymnastikturnhalle des Kindergartens eine Heimstatt in Oelde. Aus der Kapelle erwuchs die Orestis-Kirche. Das Bild zeigt einen Blick in die Kirche am 30. September 1990, dem Kirchweihtag, u.a. mit Erzbischof Augoustinos (l.) und Orestis Dukatz (r.).

Was wird morgen sein? – Inzwischen sind indische Schwestern ins Bernardushaus eingezogen. Sie kommen aus Pattuvam in Kerala aus dem Orden „Dinasevanasabha", den Schwester Petra (geb. Paula Mönnigmann) aus Oelde 1969 in Indien gegründet hat. „Zu Nutzen und Frommen der Armen" ist das Armenhaus entstanden. Der Orden, der 1997 Einzug ins Bernardushaus hielt, trägt den Namen: „Dienerinnen der Armen". Was hat doch gleich Schwester Georgia bei ihrem Fortgang von Oelde gesagt? Irgendwie, sagte sie, werde sich auch in Oelde alles noch zum Guten wenden.

Hans Rochol

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