Erste Spuren

Der Täufer und die Taube - Johannes und Columba

St. Johannes

„Laut dein Lob, wir heben an, St. Johannes großer Mann" singt die Oelder Johannes-Gemeinde gerne, wenn sie ihren Pfarrpatron ehrt. Und Johannes ruft mit Blick auf Jesus Christus zurück: "Seht das Lamm Gottes!" Johannes ist wohl ein hebräisches Wort und bedeutet „Der Herr ist gnädig". Immerhin ist Johannes der Täufer als Prophet der Endzeit und Wegbereiter Jesu biblisch und mit Jesus und Maria der einzige Heilige, dessen Geburtstag gefeiert wird. Er ist als Hochfest auf den 24. Juni festgeschrieben, genau sechs Monate vor der Geburt Jesu. An seinen Todestag - „Johannes Enthauptung" - erinnert die Kirche am 29. August. Im Koran, der heiligen Schrift des Islam, ist Johannes der drittletzte Prophet vor Isa ibn Maryam (Jesus) und Mohammed.

Mit Johannes dem Täufer verehrt die Gemeinde von alters her die heilige Märtyrin Columba (gelegentlicht auch Kolumba geschrieben; nicht zu verwechseln mit dem irischen Mönch und Prediger Kolumban). Columba ist ein lateinisches Wort und bedeutet „die Taube". Die Oelder Pfarrei besitzt ein Juwel, eine liturgische Handschrift aus der Zeit um 1480/1530. In diesem Graduale wird die Lebens- und Leidensgeschichte der hl. Columba in lateinischer Sprache in vielen Strophen nachdrücklich geschildert. Die im nächsten Absatz angeführten Zitate in deutscher Übersetzung stammen aus diesem Buch, sind der Sequenz zum Fest der hl. Columba entnommen, das am 31. Dezember gefeiert wird. (Sequenz = ein im Mittelalter aus dem Halleluja der Eucharistiefeier erwachsener zusätzlicher Zwischengesang an vielen Festen, verpflichtend heute nur noch an Ostern und Pfingsten.)

Bei der hl. Columba handelt es sich um eine Jungfrau, die christlicher Überlieferung nach im 3. Jahrhundert in Sens (oder in Saragossa) gelebt hat. „Solange sie auf Erden weilte, diente sie mit reinem Herzen der himmlischen Macht.“ Der König will sie zum Götzenkult bekehren, mit allen Mitteln. „Der Todesrichter ließ sie vorführen, doch der Sinn der tapferen Jungfrau wankte nicht.“ Der Richter wird böse, will sie entehren lassen. „Hin zu ihr tritt ein Unhold, wild verroht im Herzen, um die Jungfrau zu entweihen.“ Das Mädchen betet. „O welch wundersames Zeichen: eine Bärin kommt daher und packt den Bösewicht unter ihre Klauen.“ Doch das Mädchen bittet die Bärin, den Unhold nicht zu töten: „Er entwischt und kommt davon.“ Die Geschichte geht weiter: „Da befiehlt der Richter, sie im Feuer hinzurichten; doch das Haus kommt nicht zum Brennen, denn die Flammen löscht der Regen.“ Schließlich lässt der rasende Richter sie mit dem Schwert enthaupten. Sie erleidet also den Märtyrertod auf dieselbe Art und Weise wie Johannes der Täufer (und der Apostel Paulus, der Bistumspatron).

Ob nun Johannes als Patron oder Columba als Patronin zuerst nach Oelde kam, lässt sich nicht eindeutig sagen. Schriftlich finden beide in der Zeit des Pfarrers Menso Zegesinck (1491-1530) erstmals Erwähnung. In der Oelder Altstadtkirche wird auf die Pfarrpatrone an mehreren Stellen hingewiesen. Der Patronin Columba ist in Oelde seit 1522 eine eigene Glocke zugeeignet. In der Columba-Kapelle (früher alte Sakristei) hängt eine neuere Darstellung der Heiligen. Der Holzschnitzer Leo Neumann hat als Attribut die Bärin gewählt, aber keine Pfauenfeder hinzugegeben, sondern bewusst das Schwert gewählt (Bild weiter unten), durch das sie getötet wurde. Im dreigeteilten Fenster zur Marienkapelle gebührt ihr der obere Bereich des Glasbildes (Bild links).

Statuen des Täufers Johannes findet der Betrachter vor dem Turmportal, am Sakramentshaus und als wertvolle Figur in der Columba-Kapelle. Im Fenster auf der Südseite des Mittelschiffs hat der Glaskünstler Valentin Feuerstein die Vita des Täufers von der Geburt bis zum Tod nachgezeichnet. Eine Glocke (1718, neu 1996) erinnert im Kirchturm an ihn und Columba gleichermaßen. Auch auf einem alten Messgewand sind beide Patrone abgebildet. Gesänge zum Geburtsfest des Täufers Johannes (Bild links) sind selbstverständlich auch im Graduale aus dem 15./16. Jahrhundert zu finden, das der damalige Pfarrer Menso Zegesinck eigens für seine Oelder Gemeinde anfertigen ließ.

Columba-Patrozinien gibt es in Deutschland an drei Orten – in Oelde (Bistum Münster), in Pfaffenweiler (Erzbistum Freiburg) und in Köln (Erzbistum Köln). Die Kölner Marienkapelle St. Columba ist eine in den Neubau (2007) des Erzbischöflichen Diözesanmuseums „Kolumba" integrierte Andachtsstätte. Ihr Ursprung geht zurück auf das Jahr 980. St. Columba war mit bis zu 10.000 Gemeindemitgliedern und von ihrer geographischen Ausdehnung her die größte Pfarrgemeinde der mittelalterlichen Stadt Köln. 1943 wurde die Kirche St. Columba fast völlig zerstört. Nach dem Blick auf die Columba-Patrozinien tritt nun die spannende Frage in den Vordergrund, wann denn Oelde christlich wurde.

Zum ersten Mal fand der Ort Oelde um 890 Erwähnung, zunächst als Ulidi, bald danach als Ulithi. Beide Nennungen sind im Urbar des Klosters Werden festgehalten, das Münsters erster Bischof, der hl. Liudger, gegründet hat. Über 1125 Jahre sind seither ins Land gezogen.

Eine Oelder Pfarrei wird 1188 im „Guterverzeichniss Graf Henrichs von Dale“ erstmals erwähnt. Der Graf, dessen Burg in Bork bei Selm lag, verfügte über reichlich Besitz, unter anderem „in parrochia Olede domus apud claustrum Lette“, besaß also „in der Pfarrei Oelde ein Haus bei dem Kloster Lette“. Zur Pfarrei Oelde gehörten damals laut heutigem Erkenntnisstand Lette, wie aus dem Güterverzeichnis ersichtlich, sowie ganz oder teilweise Stromberg und Sünninghausen, Ostenfelde und möglicherweise auch Teile von Westkirchen.

Liesborn, Beckum, Freckenhorst und Warendorf werden zu den Urpfarren des Bistums Münster gezählt. Auch Wiedenbrück, damals im Bistum Osnabrück gelegen, gehört zu den frühen Pfarrgründungen. Vielfach wurden solche Orte aufgrund archäologischer Grabungen als frühe christlich-kirchliche Stätten ermittelt. In Oelde fanden zwar am Rande der Stadt aufschlussreiche Grabungen statt, doch nie im Bereich der Altstadt-Kirche. Archäologisch lässt sich also nicht beweisen, dass Oelde ebenfalls zu den Urpfarren zählt, wenn auch bekannt ist, dass sich unter dem Chor der Kirche ein heute mit Sand gefüllter, unzugänglicher Raum befindet, der früher als Krypta, Taufstelle oder später als Begräbnisstätte gedient haben dürfte.

Kann also die Archäologie (noch) keine Antwort geben, so bietet es sich an, die Patrozinien  unter die Lupe zu nehmen. Die Historiker haben sich mit diesem Wissensgebiet inzwischen intensiv beschäftigt. Reich an neuen Erkenntnissen der Geschichtsforschung ist vor allem der ausführliche Beitrag „Frühe Mission, adelige Stifter und die Anfänge des Bischofssitzes in Münster“ von Edeltraud Balzer. Er wurde zweiteilig in den Ausgaben 2010 und 2011 der „Westfälischen Zeitschrift“ veröffentlicht.

KolumbaIn Oelde stößt man bekanntlich immer zuerst auf Johannes den Täufer als Pfarrpatron. Die heilige Columba indes (im Bild Statue von Leo Neumann) geriet als Patronin im Laufe der Zeit fast völlig in Vergessenheit, aber dank Glocke von 1522 und liturgischer Handschrift von 1480/1530 eben doch nicht ganz. Johannes und Columba – das ist auf den ersten Blick eine sehr ungewöhnliche Zusammenstellung von Patronen bzw. Patrozinien. Es sei denn, da gibt es etwas, was die beiden Patrone miteinander verbindet.

Das Vorhandensein von Glocke, Graduale sowie die frühen Aufzeichnungen aus dem 15./16. Jahrhundert legen nahe, dass Oelde zu damaliger Zeit in einer langen Columba-Tradition gestanden hat. Vermutlich, weil Dorf und Kirchspiel Oelde und Stromberg 1457 überfallen und die Kirche mit den Glocken zu Oelde niedergebrannt worden waren, sind aus der Zeit vor dem 16. Jahrhundert keine Zeugnisse über die Patrozinien erhalten geblieben. Aber die Verehrung von Columba und ebenso Johannes dürfte so stark in der Volksfrömmigkeit verankert gewesen sein, dass sie auch in rauen Zeiten nicht verloren ging. Warum sonst hätte die Gemeinde 1522 für ihre „neue“ Kirche eine Columba-Glocke anschaffen sollen? Immerhin verweist Columba auf Karl den Großen und den Abt und Bischof Beornrad.

Im Auftrag Karls des Großen übernahm Liudger 792 die Missionierung der Westsachen, kam damit ins heutige Münsterland. 805 wurde er in Köln zum ersten Bischof von Münster geweiht, starb 809 in Billerbeck. Sein Grab befindet sich in Werden. Vor allem Liudger wird die Missionierung in Münster und im Münsterland sowie der Aufbau des Bistums und seiner Gemeinden zugeschrieben. Doch noch vor Liudger (742-809) hat der Abt Beornrad als Missionsleiter (gest. 797) Spuren hinterlassen. Er gehörte zu den engsten Vertrauten Karls des Großen und war zu seiner Zeit ein bedeutender und einflussreicher Mann. Von 775 an leitete er als Abt das Klosters Echternach, und ab 785/6 stand er zudem als Bischof dem Bistum Sens in Frankreich vor. Seine Fußstapfen weisen deutlich darauf hin, dass er offensichtlich auf Veranlassung Karls des Großen bereits etwa ab 785 oder sogar früher im Ostteil des heutigen Bistums Münster das Christentum grundgelegt hat.

Beornrads Bistum nahm eine bedeutende Stellung in der Kirchenhierarchie ein, nicht nur deshalb, weil sich in Sens zu damaliger Zeit das Zentrum der Columba-Verehrung befand. Unter Karl dem Großen wurde Sens zum Erzbistum erhoben und behauptete seinen besonderen Platz das gesamte Mittelalter hindurch, weil das Bistum Paris zu seiner Kirchenprovinz gehörte. Liudger hat die Arbeit Beornrads fortgesetzt, vornehmlich als Seelsorger. Altfrid wiederum, ein Verwandter Liudgers und Münsters dritter Bischof, hat das Wirken des Heiligen in der Schrift „Vita sancti Liudgeri“ festgehalten. Darin kommt es ihm vor allem auf die Verherrlichung der Persönlichkeit Liudgers an. Beornrad wird im 18. Kapitel zwar nebenbei erwähnt, doch über dessen vorbereitende Missionsarbeit sagt Altfrid nichts. Sie tritt nun aufgrund akribischer Forschung immer deutlicher ins Licht.

Um eine Kirche zu gründen und zu bauen, waren Reliquien unabdingbar. Ohne Überreste eines Heiligen ging gar nichts. Wahrscheinlich hat Beornrad also Reliquien der heiligen Columba aus Sens, wo sich ihr Grab befand, mit nach Oelde gebracht. Und schon taucht die Frage auf, ob Beornrad auch Reliquien des Täufers Johannes, vielleicht zweiter oder dritter Ordnung, im Reisegepäck mitführte. Diese Frage wird man allerdings kaum beantworten können. Doch eines sollte dabei nicht übersehen werden, Johannes der Täufer erfreute sich zusammen mit den Aposteln Petrus und Paulus als Patron in Echternach hoher Wertschätzung. Also, so ganz aus einer Laune heraus wird Beornrad die Kombination der beiden Oelder Patrone nicht vorgenommen haben. Aber welche christliche, biblische Botschaft verbirgt sich dahinter?

Taufe im JordanSchlägt man die Bibel auf und liest, was über die Taufe Jesu im Jordan geschrieben steht, so findet man bei allen vier Evangelisten, dass nach der Taufe durch Johannes der Geist Gottes wie eine Taube auf Jesus herabschwebte. Wie eine Taube! (Im Bild zwei Medaillons am Taufbecken: Taufe und Taube.) Übersetzt man das Wort „Taube“ ins Lateinische, so heißt es (wie zuvor dargelegt) „Columba“. Es ist also nicht so sehr die ohnehin legendäre Vita der Taubeheiligen Columba, die im Oelder Patrozinium vorgestellt werden soll; es ist vielmehr ihr Name. Der besitzt Aussagekraft und ist zugleich Symbol, weist er doch auf den Heiligen Geist hin, der „wie eine Columba“ in der Taufe auf die Täuflinge herabgerufen wird. Und zum Taufen waren sie gekommen, Beornrad und dann Liudger, die Missionare Karls des Großen. So gesehen ist es sehr wahrscheinlich, dass die beiden Pfarrpatrone mit Bedacht gewählt worden sind: Der Täufer und die Taube markieren mit Oelde eine der frühesten Taufstellen im heutigen Münsterland.

Ob Karl der Große dabei seine Hand im Spiel hatte? Immerhin führte Rotrud (Hrotrud), eine seiner Töchter, am Hof das Pseudonym ‚Columba‘. Auch Beornrad trug notabene im gelehrten Hofkreis des Kaisers einen Beinamen. Er hieß Samuel, benannt nach einem der großen Propheten des Alten Testaments. Das deutet auf eine besondere Wertschätzung Beornrads durch Karl den Großen hin, der sich selbst als neuer David verstand. Zur Erinnerung: Samuel hat laut biblischem Bericht das Volk zu den oft vergessenen Satzungen Gottes zurückgeführt und David zum König gesalbt.

Wer sich mit der Geschichte der Missionierung des Münsterlandes intensiver beschäftigen möchte, sollte neben dem Aufsatz von Edeltraud Balzer das Buch „Von der karolingischen Mission zur Stauferzeit, Beiträge zur früh- und hochmittelalterlichen Genschichte Westfalens vom 8.-13. Jahrhundert“ von Professor Paul Leidinger, studieren (Band 50 der Quellen und Forschungen zur Geschichte des Kreises Warendorf). Als Professor Leidinger am 28. Januar 2014 im Museum Abtei Liesborn zum 1200. Todestag Karls des Großen seinen bemerkenswerten Vortrag über den bedeutenden Kaiser hielt, hat er mit Verweis auf Columba hervorgehoben, dass auch Oelde zu den Urpfarren des Bistums Münster zu zählen sei.

Im Museum Liesborn befinden sich inzwischen die ältesten Zeichen christlichen Lebens in Oelde, zwei Kreuzfibeln etwa aus der Mitte des 9. Jahrhunderts, gefunden im Grabungsgebiet Weitkamp im Kirchspiel Oelde. In der Kreuzabteilung des Museums werden die Funde, die so groß sind wie Zweit-Cent-Münzen, aufbewahrt (Bild). „Beide Fibeln“, schreiben dazu die Archäologen in ihrem Grabungsbericht, „stellen die ältesten christlichen Zeugnisse aus Oelde dar und beweisen, dass die Bauern im Weitkamp bereits Christen waren.“ Dank Karl dem Großen, Liudger und nicht zuletzt Beornrad.

Hans Rochol

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