Kirchengestaltung

Gewachsen in Jahrhunderten

Die Entstehung einer ersten steinernen Kirche in Oelde ist historisch zwar nicht greifbar, dürfte aber in die Zeit des Münsteraner Bischofs Heriman II. von Katzenelnbogen (1174 bis 1203) fallen, der das Bistum ordnete und vielerorts Holzgebäude durch Kirchen aus Stein ersetzte. Blick ins ChorgewölbeIn der Chronik präsent wird Oeldes Gotteshaus 1457, als es gebrandschatzt wurde. Nach der Zerstörung entstand eine neue kleine Kirche, geostet, mit einem gotischen Chor (Bild: Kammern unter dem Chor, nicht zugänglich). Drei Joche umfasste der einschiffige Bau, in dessen drittes Joch der Turm eingefügt war. Aus dieser Zeit stammt eine bedeutende Anna-Selbdritt-Statue (Bild weiter unten). Kirchweih (Kirmes) dürfte am Sonntag, 20. Juli 1483 (Fest der hl. Margarete), gefeiert worden sein. Darauf deutet die traditionelle Oelder Margareten-Kirmes hin.

Im Laufe der Zeit wuchs die Kirche immer mehr. Von 1725 bis 1736 wurde sie um zwei Seitenschiffe erweitert. In den Rundbogen der Fenster erkennt man die Zeit des Barock. WahrzeichenIhr heutiges Gesicht mit dem markanten Turm ohne Helm erhielt die Kirche zwischen 1863 und 1869. Die Pläne entwarf Carl Wilhelm Emil von Manger (* 1824 Ottmarsbocholt; † 1902 Oelde). Münsters Diözesan-baumeister griff die Formen des gotischen Gewölbes auf, so dass der Bau mit seinen fünf Jochen sehr homogen wirkt. Die jeweils zwei vorderen Rundbogenfenster in den Seitenschiffen jedoch beließ er; in den hinteren Fenstern hielt er sich an die gotische Form.

Der bedeutendste Teil des Erweiterungsbaus ist der vorgesetzte Turm, das Wahrzeichen der Stadt (Bild). Ein Turmhelm wurde nicht ausgeführt. Auf der Westseite gliederte der Baumeister die Turmfassade durch ein groß angelegtes Portal. Vor dem Mittelpfeiler steht auf einer Blattwerkkonsole die Figur des Täufers, 1887 in Stein gehauen vom Oelder Bildhauer Carl Brockmann (1844-1894). Ein allseitig gleichgestaltetes Oktogon schließt den Turm der Johanneskirche ab. Fialen und Ecktürmchen vermitteln einen kronenartigen Eindruck.

SakramentshausDie Einrichtung im Chor der Kirche ist vielfach umgestaltet worden. 1997 gab ihr der Münsteraner Architekt und Künstler Dieter G. Baumewerd die jetzige Form. Fünf Fenster beziehen an der Nordostecke das formvollendete gotische Sakramentshaus (Bild) ein. In indischen Ziffern steht das Entstehungsjahr verzeichnet: Anno Domini 1491. Mit acht Metern Höhe, sechsgeschossigem Bau, mit abschließender Spitze, dem üblichen „Riesen“, und krönendem Pelikan hat das gotische Meisterwerk die Zeiten überdauert. Es besteht aus Baumberger Sandstein (Kreidekalk). Freistehende Arkaden am Fuß tragen das Tabernakel mit Figurenschmuck, darüber treibt reicher Fialen-Aufbau das Sakramentshaus graziös in die Höhe. Zugerechnet wird das Sakramentshaus der Bunickman-Werkstatt in Münster.

Spätgotisch wie das Sakramentshaus, erweist sich ihm im Chor der Taufstein als ebenbürtig. Auch er dürfte aus der Bunickman-Werkstatt stammen. Achteckig geformt, erreicht er eine Höhe von 1,09 m und einen Durchmesser von 0,93 m. Maßwerk an Fuß und Becken verleiht ihm Leichtigkeit und Schönheit.

Fünf zweigliedrige Chorfenster spiegeln die Apokalypse. Der Oelder Künstler Leo Neumann (1928-1999) legte den Entwurf für die Glasmalereien vor, beraten vom Krefelder Kirchenfenstergestalter Erich W. John (1936-1989).  Ebenfalls von Leo Neumann stammt der Entwurf für das Glasgemälde im sechsten Fenster, dreigliedrig an der Südseite, eingesetzt 1980. Dargestellt ist die Berufung des Propheten Jesaja.

Romanischer CorpusDas Kreuz mit romanischem Corpus (Bild links), platziert zwischen Chor und Mittelschiff, steht in Baumewerds Gestaltung deutlich im Vordergrund. Altar, Ambo und Priestersitz sind zum Kirchenschiff hin vorgezogen, nahe in die Gemeinde heran. Den Torso eines aus Lindenholz geschnitzten Korpus brachte der Wiedenbrücker Künstler Anton Mormann (1851-1930) um 1900 aus einer evangelischen Kirche in Sachsen mit. Es handelt sich um ein spätromanisches Kunstwerk aus der Zeit um 1230. Baumewerd schuf Altar und den Ambo mit seinen vier Säulen, die auf die Evangelisten verweisen. Auflegen der AltarplatteDer Künstler verwendete dazu rahmweißen Jura aus dem Altmühltal. Die 400 Kilogramm schwere Altarplatte, die von Männern aus der Gemeinde aufgelegt wurde (Bild), ruht auf sieben mal sieben Säulen, ist die Sieben in der Heiligen Schrift doch heilige Zahl. Sie spiegelt sich im Altar, in den sieben Flammen des Apokalypse-Fensters und im siebenarmigen Leuchter. Unsichtbar sind unten im Altar zum Chor hin Reliquien der hl. Ursula und des hl. Viktor von Xanten eingelassen.

Stammvater JosefDie Mitte des Langhauses schmückt eine Doppelmadonna aus Holz. Auf der einen Seite ist Anna Selbdritt dargestellt, auf der anderen Seite Maria mit dem Jesuskind. Umgeben sind die Darstellungen jeweils vom Strahlenkranz der Stammväter Das Bild zeigt den Stammvater Josef. Der Kölner Dombaumeister Bernhard Hertel (1862-1927) lieferte den Entwurf, Anton Mormann führte ihn 1927 aus.

Aus den Seitenschiffen grüßen Ignatius von Loyola und Aloisius von Gonzaga (beide vor 1850, unbekannter Künstler). Über dem Eingang zur Columba-Kapelle ist eine vierteilige Tafel angebracht mit Jesus-Christus-Darstellungen (Bild rechts: Geistsendung). Der Schnitzer und Kunsttischler Weihbischof KramerFranz Schmidt (1857-1937) aus Lippstadt, Mitgründer der Westfalia Separator in Oelde, schuf sie 1884 für einen Predigtstuhl.

Vorne im nördlichen Seitenschiff beginnt der Kreuzweg. Carl Brockmann meißelte die 14 Bilder in Stein. Eingeweiht wurde der Kreuzweg 1881 von dem aus Oelde stammenden Domkapitular Wilhelm Kramer, dem späteren Weihbischof (Bild).

Das Marienretabel an der Stirnwand des südlichen Seitenschiffes arbeitete Tischler Bernhard Kahlmeier 1982 unter künstlerischer Begleitung von Leo Neumann. Es zeigt um die Statue der Muttergottes herum sechs Szenen aus dem Leben Jesu (neutestamentlich bzw. apokryph), flankiert von zwölf Heiligenfiguren. Zu sehen sind Stücke, die aus zwei früheren Seitenaltären übrig geblieben sind. Papst Johannes XXIII.Die Madonna mit Kind auf prächtiger Engelkonsole, entstanden bald nach 1850, formte ein unbekannter Holzschnitzer.

Die Kirchenfenster im vorderen Bereich der Kirche, eingesetzt 1975, beschäftigen sich mit Johannes dem Täufer auf der Südseite sowie mit der Thematik „Glaube und Erlösung“ und dem von Papst Johannes XXIII. (Bild) einberufenen Konzil auf der Nordseite.  Schöpfer der drei sehr formschönen und farblich ausgewogenen Fenster ist der Glasmaler Valentin Peter Feuerstein (1917-1999) aus Neckarsteinach.

Die Fenster der Mittelachse sind der Gottesmutter gewidmet: Königin des Friedens auf der Südseite und Krönung Mariens (beide 1923). Die übrigen Fenster zeigen Szenen aus dem Leben der Heiligen - Petrus (1929), Franz von Assisi (1948) und Liudger (1951) auf der Nordseite sowie Paulus (1934), Antonius von Padua (1935) und Elisabeth von Thüringen (1927) auf der Südseite. 2009 kam an der Südseite über dem Eingang zur Marienkapelle ein weiteres Fenster hinzu, das Judas Thaddäus, Schwester Petra und die heilige Kolumba in den Blick nimmt.

Anna SelbdrittIn der Kolumba-Kapelle an der Nordostseite der Kirche (früher alte Sakristei) befinden sich eine Anna-Selbdritt-Statue aus der Zeit um 1500 (Bild) sowie eine Johannes-Statue, um 1700 entstanden. Die Künstler sind unbekannt. Leo Neumann formte 1987 die Statue der heiligen Kolumba. Die Sakristei an der Südostseite wurde nach Plänen von Bernhard Hertel zwischen 1914 und 1919 errichtet.

Sechs Glocken im Turm rufen zu Gottesdienst und Gebet: Katharina 1483; Maria 1522 (die „dicke“ Glocke); Kolumba 1522; Anna und Heilige Drei Könige 1692; Johannes (mit Kolumba) 1997; Paulus 2001. Im neugotischen Fensterrahmen der Bußkapelle unten im Turm hat Erich W. John (Krefeld) in einer Scherenschnitt-Impression die Passion Jesu dargestellt. Gegenüber regt eine Kreuzigungsgruppe aus einem früheren Seitenaltar (um 1870), flankiert von vier Engeln mit Marterinstrumenten, zur Betrachtung an, ebenso an den Seiten die Pieta (Bildhauer Allard, Münster 1868) und der Schmerzensmann (Georg Kemper, 1936).

Weitere Einzelheiten siehe im Kirchenführer „SS. Johannes und Columba Oelde“ von Hans Rochol, erschienen 2008 im Verlag Schnell & Steiner GMBH Regensburg.

Hans Rochol

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