Glockenkunde

Von Katharina bis Paulus

Der KirchturmDie älteste Glocke im Oelder St.-Johannes-Kirchturm (Bild) gehört, aus dem Jahr 1483 stammend und Katharina genannt, eher zu den kleinen, den bimmelnden Schwestern. Ganz anders Maria von 1522, die „dicke“ Glocke - sie bringt die schönen dunklen Töne ins Glockenspiel, wenn sie nicht nur für sich allein als „Totenglocke“ dumpf und schmerzvoll der Trauer Ausdruck gibt. Eher schmächtig Kolumba, die Zwillingsschwester der Maria von 1522. Seit 1692 mischt Anna mit, die vierte Schwester hoch im Turm, die die Heiligen Drei Könige in ihren Klang einbezieht. 1718 endlich gesellte sich der Bruder zu den Schwestern, Johannes – benannt nach dem Täufer am Jordan. Besonders zugetan war er der Columba, sind sie doch gemeinsam Patrone der Oelder Kirche und Gemeinde. 1917 wurde diese Glocke für Kriegszwecke eingeschmolzen. Erst 1997 kehrte sie, jetzt  rundum neu, zurück, gefolgt 2001 von Paulus, benannt nach dem Bistumspatron.

Katharina-GlockeKatharina - Als 1457 Kirche und Stadt überfallen wurden und in Flammen aufgingen, hat es mehrere Jahrzehnte gedauert, ehe im Ort eine neue Kirche entstanden war. Erste Stimme, die davon Zeugnis gab, war die Katharinenglocke aus dem Jahr 1483. Sie ist die älteste Glocke im Kirchturm, zugleich die kleinste unter den betagten Glocken. Hoch hinauf!„Catherina bin ick ghenant, wan ic rope, so kom to hant [zusammen]. 1483. Jasper me fecit.“ Die Katharina-Glocke zeigt vier Brustbilder: Jesus, Maria, Petrus und Paulus (mit Schwert; Bild). Auf den Ton h gestimmt, hat sie einen Durchmesser von 74 cm. Ihr Gewicht dürfte geschätzt vielleicht 320 kg betragen.

„Jasper me fecit“ - übersetzt: „Jasper hat mich gemacht“ - deutet auf den Glockengießer hin, der lange unbekannt war. Im Rahmen von Forschungen wurde nun entdeckt, dass im 15. Jahrhundert in Münster zwei Glockengießer des Namens Volkerus tätig waren. Jasper, vermutlich der Sohn des Johannes, hat offensichtlich 1483 die Katharina-Glocke für Oelde fertiggestellt.

Im GlockenturmKolumba - „Clerum cum populo cito laudes canere Christo. Fudit Wa­lthe­rus. Ecce Columba vocor. Anno domini 1522“. Übersetzt aus dem Lateinischen heißt das: „Den Klerus mit dem Volk rufe ich herbei, Christus Lob zu singen. Es goss [mich] Walther. Siehe, ich werde Columba genannt. Im Jahr des Herrn 1522.“ Auf den Ton gis (as) gestimmt, erreicht die Glocke bei einem Durchmesser von 91 cm ein Gewicht von 470 kg.

Maria - „Est Maria nomen michi. Sacros pulsor ad usus. Sonum dulcoro luctum, paro festa decoro. Cogo sonans homines ad pietatis opus. Anno domini 1522.“ - Maria ist die ,,dicke Glocke“, die schwerste mithin. Sie wiegt 1550 kg und erreicht einen Durchmesser von 130 cm. Gestimmt ist sie auf den Ton d. Mit Friesen und einem Blumenornament geschmückt, begleitet Maria noch heute die Toten, lindert mit ihrem milden, dunklen Klang den Schmerz der Trauernden. Wie sie mit sanftem Moll Trost zu spenden vermag, kann sie anderseits in strahlendem Dur große Freude verschaffen. An den Hochfesten stimmt sie in den vollen Klang mit ein. „Maria ist mein Name. Ich werde geläutet zu heiligem Brauch. Ich versüße den hellen Klang, bereite und verherrliche die #Feste. Ich berufe tönend die Menschen ein zu den Werken der Frömmigkeit. Im Jahr des Herrn 1522“. Somit ist Maria die Zwillingsschwester der Columba. SchneeglöckchenWolter Westerhues, ein Münsteraner Glocken- und Geschützgießer, hat im 16. Jahrhundert sowohl Columba- als auch Marien-Glocke gegossen.

Das Bild zeigt die Glocken im Winter, rechts Anna, links Maria.

Anna mit den Heiligen Drei Königen - „Te Catharina sibi sociam colit Olda patronam regibus et trinis fida sit Anna comes. Anno 1692. Friderikus Christianus a Plettenberg ex Lehnhusen ep. mons. S.R.J. princeps.“ Die Übersetzung lautet: „Dich, Katharina, verehrt Oelde als seine Mitpatronin. Eine treue Gefährtin möge Anna mit den Heiligen Drei Königen sein. Im Jahr 1692.“

Unbekannt ist der Glockengießer. An der Glocke ist sein Name nicht verzeichnet. Es wird gemutmaßt, dass sie aus der Glockengießerfamilie Delapaix stammt. Fürstbischof Friedrich Christian Freiherr von Plettenberg (1688-1706) hat sich im Gegensatz zum Glockengießer als Stifter auf der Glocke verewigt. Reich ist ihre Verzierung. Man erkennt Ranken und Blumengewinde, von Engelsköpfen gehalten, und einen Fries mit Tierbildern, der wohl auf bischöfliche Jagdfreuden zielt. Eine Madonna in der Mandorla ist abgebildet, darüber ein Kreuz und ein „Salvator mundi“, also der Heiland mit der Weltkugel.

Ambrosius Oldensis, der begnadete Barockbaumeister aus Oelde, dessen Geburtsnamen niemand kennt, ist für Fürstbischof Plettenberg vielfältig tätig gewesen. So liegt die Vermutung nahe, dass die Glocke mit Ambrosius in Verbindung stehen könnte.

GlockengussJohannes - Lange war Kolumba als Patronin der Oelder Gemeinde im Glockenstuhl auf sich allein gestellt. Erst 1718 vermochte sich der Pfarrpatron St. Johannes eine Stimme zu verschaffen. „Johannes dem Täufer und der Mitpatronin Kolumba“ war die fünfte Glocke geweiht. In Latein meldete sie sich zu Wort: „Sub patrocinio s.s. Joannis baptistae et Columbae. Ferdinandus Adolphus Arning pastor. Anno 1718. Wilhelm Anton Rincker von Aslahr gos mich.“ Also: „Unter dem Schutz des hl. Johannes des Täufers und der hl. Kolumba. Ferdinand Adolph Arning, Pfarrer, im Jahr 1718. Wilhelm Anton Rincker von Aslahr goss mich.“ Auf dieser Glocke hatte sich der damalige Pfarrer eingetragen. Als Glockengießer wird Rincker in Aslahr, einem Ort im Siegerland, genannt. Der Schmuck der Glocke waren Blumengewinde und ein Kreuz. Sie hatte einen Durchmesser von 101 cm und war auf den Ton fis gestimmt. Die fünfte Glocke verlor in den Wirren des Ersten Weltkriegs ihre Stimme.

Glockenweihe„1997 in Erinnerung an die 1917 eingeschmolzene Glocke gegossen“, lautet die schlichte Inschrift auf der neuen, den beiden Pfarrpatronen geweihten Glocke: „Sub patrocinio S.S. Joannis Baptistae et Columba“. Am dritten Advent 1997 weihte sie Weihbischof Friedrich Ostermann (Bild links; der Bischof rechts, Pfarrer Hortmann links). Tags darauf wurde die 850 kg schwere Glocke mit einem Durchmesser von 114 cm in den Turm gezogen und fand ihren Platz im eisernen Glockengerüst.

Paulus - Eine Stelle aus dem Paulus-Brief an die Römer (5,1) ist als Inschrift auf der Paulus-Glocke angebracht: „Wir haben Frieden mit Gott durch Jesus Christus.“ In einer zweiten Zeile heißt es dann: „Menschenkinder & Gotteskinder LGS Oelde 2001.“ Diese Glocke nennt den Ort, an dem sie zunächst stand, und das Jahr. Einen Sommer lang rief sie die Besucher der Landesgartenschau (LGS) zum Verweilen und zum Gebet in den Kirchengarten des Parks. Als das große Ereignis des Jahres 2001 vorüber war, zog die Paulus-Glocke um in den Turm der St.-Johannes-Kirche. Auf den Ton c gestimmt, begleitet sie seither mit einem Gewicht von 325 kg und einem Durchmesser von 78 cm die Klänge der anderen Glocken und grüßt so den Bischofspatron St. Paulus.

In "Westfalen", dem Jahrbuch des Kreises Warendorf 2014, sind die Glocken im Turm von St. Johannes Oelde unter dem Thema "Vier ältere Schwestern und zwei jüngere Brüder" ausführlich beschrieben.

Hans Rochol

 

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